24. Seminar für literarisches Übersetzen 5.4.-7.4.2019

Aargauer Literaturhaus Lenzburg

Meine Reise zum Seminar für literarisches Übersetzen in Lenzburg begann bereits morgens um halb sieben. Ich war nicht nur sehr gespannt auf die Teilnehmer*innen und unseren Seminarleiter für den Spanisch-Workshop, sondern auch auf die Schweiz, da ich noch nie zuvor dort war. Nach einer sechsstündigen Fahrt wurde ich sehr freundlich im Hotel Lenzburg begrüßt, wo ein Teil von uns Übersetzer*innen untergebracht war.

Die Begrüßung der Seminarteilnehmer*innen sollte im Aargauer Literaturhaus stattfinden, einem historischen Ort des literarischen Austauschs, in dem nicht nur Seminare für Übersetzer*innen stattfinden, sondern auch Werkstätten zum Lesen und Schreiben sowie verschiedene Veranstaltungen wie Lesungen und Buchvernissagen. Dort stellte ich zu meiner Freude fest, dass nicht alle Gesichter unbekannt waren.

Nach der Begrüßung von Pedro Zimmermann, der für die Organisation des gesamten Seminars zuständig ist, ging es auch schon in die Workshops und zur Arbeit am Text. Ich nahm am Spanisch-Workshop unter der Leitung von Christian Hansen teil, weil ich nicht so oft Spanisch übersetze und deshalb meine Kenntnisse auffrischen wollte. Bei der Vorstellungsrunde stellte sich heraus, dass einige bereits zum wiederholten Mal dabei waren, was sehr für das Seminar spricht. Christian Hansen ist Übersetzer aus dem Spanischen und Französischen und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem für die Übersetzung von Roberto Bolaño (Jane-Scatcherd-Preis 2010). Zur Vorbereitung auf den Workshop sollten wir zuvor einzelne Textpassagen aus Patricio Prons No derrames tus lágrimas por nadie que viva en estas calles sowie eine Passage aus César Airas El Testamento del Mago Tenor übersetzen, zwei sehr anspruchsvolle Texte, die es in sich haben. Die Schwierigkeit der Textstellen besteht vor allem in der Körpersprache, Gestik und Mimik der Figuren, der Einordnung in den situativen Kontext und in der Interaktion zwischen den Figuren. Christian machte uns darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, sich vorher eine genaue Vorstellung von der Situation und den örtlichen Gegebenheiten in der Geschichte zu machen, in der sich die Figuren befinden und das bestenfalls, bevor man mit der Übersetzung anfängt. In den darauffolgenden Tagen arbeiteten wir sehr intensiv an den Texten und merkten wieder einmal, was für einen Einfluss die Interpretation eines Textes auf die eigene Übersetzung hat. Kleinste Änderungen in der Formulierung führen bereits zu einer großen Veränderung der Perspektive oder der Wirkung auf den Leser. Wir fragten uns, was der Unterschied zwischen Schreien und Rufen ist, was passiert, wenn man statt der aktiven Formulierung „Er wacht auf“ das Passiv „Er wird wach“ benutzt. Wir überlegten, ob es sich im Text um ein Echo, einen Widerhall oder den Schall von Stimmen, Worten oder aber Schreien handelt? Was war im Text gemeint und was sagt man im Deutschen? Und wieso schreibt Pron „ein halbes Dutzend Stiefel“, wenn er eine Truppe meint? Sind es dann nur drei Männer, die sich „aus den Bergen“ oder „vom Berg her“ nähern? Oder sollten wir das „halbe Dutzend“ eher nicht wörtlich nehmen? Wir führten sehr hitzige Gespräche und mussten teilweise über die Absurdität des spanischen Textes lachen. Und wieso der Autor andauernd „acercarse“ (dt. sich nähern) schrieb, das war uns auch ein Rätsel. Manchmal hilft es, Situationen wie im Theater durchzuspielen, um sich die Gestikulation und Bewegungen der Figuren vor Augen zu führen.  

Zwischen den Workshops wurden wir immer sehr gut verpflegt mit Kaffee, Tee und süßen Leckereien sowie einem Drei-Gänge-Menü im Hotel Lenzburg.

Pedro Zimermann und Ulrich Pröfrock

Am ersten Abend fand dann nach dem Essen noch eine Lesung zum Thema „Comic übersetzen“ mit Ulrich Pröfrock statt, der von den Anfängen des Comics erzählte und immer wieder betonte, was für einen großartigen Beitrag Erika Fuchs zum Comicübersetzen in Deutschland geleistet hatte. Sie wurde durch die Übersetzung von Donald Duck bekannt und hatte einen großen Einfluss auf die deutsche Sprache. Ihr zu Ehren wurde 2015 das Erika-Fuchs-Haus – Museum für Comic und Sprachkunst in Schwarzenbach an der Saale eröffnet. Ulrich Pröfrock, dessen Comicübersetzung „Esthers Tagebücher“ des franko-syrischen Autors Riad Sattouf im Rahmen der Max und Moritz-Preisverleihung als bester internationaler Comic prämiert wurde, erklärte, mit welchen Schwierigkeiten man es als Comicübersetzer zu tun hat. Nicht nur ist meist der Platz für den Text vorgegeben, das heißt, die Übersetzung darf theoretisch nicht länger werden als das Original, auch steht man oft vor kulturell festgelegten Kontexten, die ins Deutsche nicht zu übertragen sind. Dabei kritisierte er so manche*n Übersetzer*in in dem Bereich, da nicht nur gute Sprachkenntnisse dazugehörten, sondern vor allem das Verständnis für die Alltagssprache und ein Gefühl dafür erforderlich ist, was im deutschen Kontext bekannt ist und was nicht. Ein sehr spannender Vortrag! Danke für den Einblick in ein besonderes Metier des Übersetzens.

Büchertisch – Übersetzungen der Seminarleiter*innen

Am letzten Tag des Seminars stellten die vier Arbeitsgruppen (Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch) ihre Ergebnisse vor. Da nicht alle Teilnehmer*innen aller vier Sprachen mächtig sind, wurde versucht, die Schwierigkeiten, die sich während der Übersetzung der Originaltexte ergeben hatten, zu erklären. Zum Beispiel wurden Auszüge aus den in der Gruppe erarbeiteten Übersetzungen ins Deutsche vorgetragen, damit sich die anderen vorstellen konnten, worum es im Original ging. Jede Gruppe hatte die Aufgabe anders gelöst, aber jede*r konnte sich vorstellen, wo die Probleme beim Übersetzen lagen und hatte etwas mitgenommen.

Zum Schluss gab es eine Lesung und ein Gespräch von Autorin Annette Hug über ihren Roman Wilhelm Tell in Manila, der 2017 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Camille Luscher, die den Roman ins Französische übersetzt. Die Textstellen, die sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch vorgelesen wurde, zeugten von einer literarischen Glanzleistung. Und die Zuschauer*innen konnten Einblick in die gemeinsame Arbeit zwischen Autorin und Übersetzerin gewinnen, die der jeweiligen Arbeit gegenüber großen Respekt und Anerkennung entgegenbringen. Inspirierende Frauen.

Aussicht von der Lenzburg

Nach der Lesung wurden die Eindrücke des Wochenendes als auch der ein oder andere Kontakt ausgetauscht, natürlich gab es da auch wieder Wein und einen kleinen Snack. Dann ging es für alle Teilnehmer*innen und Workshopleiter*innen zurück nach Hause, manche mussten nur ins benachbarte Zürich, andere hatten eine längere Reise vor sich, so wie ich. Doch vorher wollte ich noch auf die Burg Lenzburg, die zu den ältesten und bedeutendsten Höhenburgen der Schweiz zählt und Rittersäle zur Vermietung für besondere Anlässe beherbergt. Von oben hat man einen wunderschönen Ausblick auf die kleine Stadt und die angrenzende Gegend, vor allem bei schönem Wetter. Nach meiner kleinen Wanderung zum Schloss, musste ich mich auf den Heimweg machen. Tschüss Lenzburg, kleine Idylle im Schweizer Aargau.

Alles in allem ein erfolgreiches, lehrreiches Wochenende mit super Workshop, tollem Seminarleiter sowie kulinarischen Köstlichkeiten. Ich habe viele neue Eindrücke bekommen und dazugelernt. Vor allem aber habe ich sehr nette Menschen kennengelernt und neue Kontakte geknüpft. Und das ist immer viel Wert. Vielleicht bis zum nächsten Jahr in Lenzburg…

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